Im Gedenken an Dr. med. Claudia Wandt

Anfang Juni hat uns die traurige Nachricht erreicht, dass Claudia Wandt verstorben ist. Sie hat pro pallium in den letzten vier Jahren tatkräftig unterstützt und wegweisende Impulse gegeben. Wir trauern um den Tod einer lieben und engagierten Kollegin mit viel Herz und tollen Werten, die diese Erde leider viel zu früh verlassen musste.

Claudia hat an der Universität Bern Medizin studiert und 1991 mit der Promotion abgeschlossen. In der Weiterbildung hat sie sich für die Pädiatrie entschieden und 1998 den eidg. Facharzttitel Kinder- und Jugendmedizin FMH erhalten. Während 20 Jahren arbeitete sie als niedergelassene Pädiaterin – 10 Jahre führte sie eine eigene Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in der Region Basel, weitere 10 Jahre war sie in Gemeinschaftspraxen tätig. Parallel dazu engagierte sie sich in der Ausbildung von Medizinstudierenden und war Mitbegründerin einer interdisziplinären Therapiegruppe für Jugendliche mit Adipositas. Schon damals hat sie der Versorgung zu Hause und der Verbesserung der Lebensqualität aller Beteiligten vermehrt ihre Aufmerksamkeit geschenkt.

Eine heimtückische Krebserkrankung in der Lunge hat Claudia verunmöglicht, weiterhin ein forderndes Arbeitspensum in der Patientenversorgung zu absolvieren. Sie hat sich deshalb im Dezember 2018 bei pro pallium gemeldet, weil sie ein Umfeld mit vielen Anknüpfungspunkten gesehen und auch gefunden hat. Über ihr Engagement, als Freiwillige in der psychosozialen Begleitung einer Familie mit einem schwerkranken Kind, hat sie sich nach und nach weitere Handlungsfelder erschlossen. Die Teilnahme an einer Tagung zu Palliativ- und Schmerzmedizin für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Kinderpalliativzentrum Datteln im Ruhrgebiet war ein wichtiger Brückenschlag zwischen ihrer klinischen Arbeit als Pädiaterin und ihren eigenen Erfahrungen an der Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Dabei sind für sie auch die Defizite gegenüber der in Deutschland flächendeckend gut etablierten Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) auch für pädiatrische Patient:innen deutlich geworden. Die vielen offenen Fragestellungen haben sie motiviert, in Freiburg i. Br. den Kontaktstudiengang Palliative Care Pädiatrie zu absolvieren. Dabei hatte sie zwei Anliegen: Einerseits sollten die Kinder, die von einer lebensbegrenzenden Erkrankung betroffen sind, ihren spezifischen Bedürfnissen entsprechend ganzheitliche Fürsorge in somatischer, seelischer, sozialer und spiritueller Hinsicht erhalten. Andererseits sollte pro pallium darin gestärkt werden, mit der psychosozialen Pädiatrischen Palliative Care höchstmögliche Lebensqualität für das lebensverkürzend erkrankte Kind zu ermöglichen und dessen Familie umfassend zu unterstützen.

Die Erkenntnisse aus der Freiwilligenarbeit und die Reflexion der Versorgungsprozesse in Fachgesprächen bei pro pallium haben 2020 zur Erarbeitung des Projekts „Ambulante medizinische Versorgung in der Pädiatrischen Palliative Care stärken“ geführt, bei dem Claudia ihre Erfahrungen und ihr umfassendes Netzwerk optimal einbringen konnte. Der Umstand, dass schweizweit 3’000-5’000 Kinder von lebenslimitierenden Krankheitsverläufen betroffen sind, die sich oft über viele Jahre hinziehen, weist darauf hin, dass niedergelassene Pädiater:innen zumindest punktuell in palliative Betreuungssituationen involviert werden. Ergänzend zur gut dokumentierten Spitalversorgung, lenkt das Projekt den Blick auf die, für die häusliche Versorgung wichtigen, Praxispädiater:innen.

Mit grossem Engagement hat Claudia, zusammen mit einer Forschungsgruppe, die essenziellen Projektdaten erhoben. In Verlaufe eines Jahres hat sie über 40 Pädiateri:nnen interviewt und die Gespräche thematisch ausgewertet. Zusammen mit den anderen Erhebungen und Analysen zeigen die Ergebnisse, dass sich die Situation der häuslichen/ambulanten Versorgung deutlich von der Spitalversorgung abhebt. Viele Praxispädiater:innen möchten betroffene Familien kompetent betreuen, aber oft fehlt das nötige Fachwissen. Zudem sind Brüche in der Versorgungskette, Tabus und die dadurch resultierende Isoliertheit der Beteiligten weitere Herausforderungen. Ebenfalls die  Benachteiligungen beim Zugang zu Leistungen und deren Finanzierung stellen einen wichtigen Punkt auf der Projektagenda dar. Entsprechend gibt es zur Sicherstellung von Lebensqualität bei allen Involvierten (Praxispädiater:innen, Familien, professionelle Netzwerke) teils grossen Supportbedarf. Darüber hinaus sind Sensibilisierung und Lobbying in der Gesundheits- und Sozialpolitik notwendig.

Bewundernswert war, wie Claudia trotz Einschränkungen immer positiv nach vorne blickte. Dabei war sie realistisch genug, ihre schwindenden Kräfte und das Unabwendbare einzuordnen – sie hat „den Elefanten im Raum“ nicht verdrängt. Im Gegenteil: Sie hat nie geklagt und auch nicht gehadert, sondern immer vom grossen Glück gesprochen, dass sie bei pro pallium ein geschätztes und stimulierendes Engagement gefunden hat und sich für die Familien, die Fachpersonen und insbesondere auch für die Verbesserung der Schnittstelle zwischen den Spezialisten im Spital und den Praxispädiatern:innen hat einsetzen dürfen.

Claudia Wandt hat pro pallium viel gegeben – es wäre für sie und für uns schön gewesen, wenn sie noch hätte erleben dürfen, wie ihre umsichtig geführten Interviews und die Analysen in das geplante Vademecum und eine Monographie einfliessen. Es war ihr Wunsch, dass dieses Projekt auch ohne sie zu Ende geführt wird. Erste Publikationen sind gegen Ende 2022 zu erwarten.

Ihr Wirken ist ein wichtiges Vermächtnis für die Stiftung pro pallium und hat weitreichende Effekte auf die künftige Strategie. Wir sind traurig, diese kluge, kompetente und liebenswürdige Kollegin verloren zu haben.  

Dr. Beat Sottas, Stiftungsrat

Im Gedenken an Dr. med. Claudia Wandt